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Vereinsgeschichte

100 Jahre „Verein für Pilzkunde Bern“ 1910-2010
(von Franz Aspäck, Vereinspräsident von 1996 bis 2008)

Als Quellen zur vorliegend zusammengefassten hundertjährigen Vereinsgeschichte dienten die noch fast vollständig erhaltenen Akten seit der Vereinsgründung. Ferner eine Festschrift des damaligen Präsidenten R.Hotz zum Jubiläum „70 Jahre Vereinigung für Pilzkunde Bern“.

Am 8.April 1910 fand im „Café Malaga“ im Berner Mattenhofquartier (später wurde das Lokal am Lilienweg 20 in das noch heute existierende Restaurant „Brunnhof“ umbenannt) nach Vorbereitungsarbeiten eines Initiativkomitees die Gründungsversammlung eines

„Pilzensportverein Bern“

statt. Gemäss Statuten wurden folgende Ziele vereinbart:

  • Gründliche Kenntniserwerbung über die am häufigsten vorkommenden essbaren sowie giftigen Schwämme
  • Förderung des Einsammelns der essbaren Pilze behufs Zubereitung, Konservierung und Verwendung derselben als allgemeines Volksernährungsmitels
  • Schaffung gemeinnütziger Einrichtungen (Bibliothek über Fachliteratur, Vorträge, Pilzausstellungen, usw.)
  • Pflege freundschaftlicher Beziehungen unter den Mitgliedern

Das Initiativkomitee setzte sich aus den Herren Häuptli, Architekt; Möri, Briefträger; Frech, Wirt und Zbinden, Bahnbeamter zusammen.
An der Gründungsversammlung nahmen ausserdem folgende Personen teil:
Külling, Lehrer; Fellmann, Bäcker; Fässler, Coiffeur; Reber, Angestellter; Wyss, Bäcker; Leuenberger, Packer; Dünneisen, Glasermeister; Wermuth, Hauswart; Kästli, Angestellter; Gyger, Bäcker; Tanner, Bäcker; Niklaus, Bahnbeamter; Hausener, Bäcker; Bigler, Angestellter; Gantenbein, Wirt und Huber, Buchdrucker.

Der erste Vorstand wurde wie folgt bestellt: G.Reber, Präsident; R.Külling, Vizepräsident; A.Zbinden, Sekretär; B.Frech, Kassier; E.Möri, Beisitzer.

Bereits bei der Gründungsversammlung wurde der bis heute gültige Vereinsname auf

„Verein für Pilzkunde Bern“

umgetauft. Auch die Statuten wurden seit 1910 kaum verändert. Einzig der „Schutz vor Pilzvergiftungen“ und der „Schutz der Pilzflora“ kamen seither als Vereinszweck hinzu.

Der Verein zählte zu Beginn, im Jahr 1910, 20 Mitglieder.

Bereits im Herbst des ersten Jahres stellte sich der Verein vom 25. bis 20.September anlässlich einer Pilzausstellung der Oeffentlichkeit vor. Neben echten Pilzen wurden da auch Pilze aus Pappmaché gezeigt. Der Erfolg dieser ersten Pilzausstellung des Vereins für Pilzkinde blieb allerdings bescheiden. Es resultierte ein Gewinn von bloss Fr.2.35. …

Markante Ereignisse aus der Vereinsgeschichte chronologisch:

  • 1914 gab es im Rahmen der Schweizer Landesausstellung erste Grossanlässe zum Thema Pilze. Zusammen (mit dem ebenfalls noch jungen) Pilzverein Grenchen wurden zwei erfolgreiche Pilzausstellungen durchgeführt. Sogar dem „Berner Tagblatt“ war dies ein Bericht wert.
  • Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vermochte die Vereinstätigkeiten nur geringfügig negativ zu beeinflussen. So wurde am 24.August 1915 auf Initiative des Vereins für Pilzkunde Bern in der Bundesstadt der erste öffentliche Pilzmarkt abgehalten. An einem für die Pilzanbieter reservierten Strassenstück mussten die Pilze schon damals amtlich kontrolliert werden. Zugelassen waren damals 27 Pilzarten, die dann 1916 auf 55 erweitert wurden.
  • Ab 1914 wechselte der Verein für Pilzkunde Bern das Vereinslokal. Fortan und bis 1936 fanden dann die Vereinstreffen im Restaurant „Viktoriahall“ in Bern statt.
  • 1919 beschäftigte sich der Verein für Pilzkunde unter anderem auch mit der Zucht von Morcheln. Als Folge davon konnten dann tatsächlich 18 schöne Exemplare geerntet werden. Leider weiss man heute nicht mehr, um welche Art es sich handelte, wie gezüchtet und weshalb das Unternehmen nicht weiter verfolgt wurde. Bis heute gibt es ja bekanntlich noch keine erfolgreiche Morchelzuchtmethode.

 

In späteren Jahren versuchte sich der Verein auch an der Zucht von
Champignons. Allerdings leider erfolglos.

  • 1920 trat der Verein für Pilzkunde Bern dem Landesverband bei, dem Verein Schweizerischer Vereine für Pilzkunde VSVP.
  • 1923 verlegte der Maler Hans Walty gemeinsam mit dem Verein seine berühmt gewordenen Pilzbilder. Leider sind die Originale von Walty nicht mehr vorhanden, immerhin aber noch die Original-Aquarelle von E.Habersaat. In der Vereinsbibliothek stehen zudem noch viele als Schulungsunterlagen benutzte Aquarelle und Zeichnungen unbekannter Schöpfer.
  • 1924 zählte der Verein für Pilzkunde Bern bereits 107 Mitglieder. Am 16.März wurde die Delegiertenversammlung des Verbandes Schweizerischer Vereine für Pilzkunde VSVP zum erstmals in Bern durchgeführt.
  • Anlässlich der Delegiertenversammlung vom 22.März 1925 wurde die Geschäftsleitung des Verbandes Schweizerischer Vereine für Pilzkunde dem Verein für Pilzkunde Bern übertragen. Der Vorstand setzte sich damals wie folgt zusammen: Präsident: Duthaler; Vizepräsident: Wyss; Sekretär: Habersaat; Kassier: Hürzeler. -Das besondere Verdienst dieser Mannschaft war es, die seit 1923 bestehende Verbandszeitschrift vor dem Verschwinden zu bewahren.
  • In diesen Zeitabschnitt des Vereins für Pilzkunde Bern fielen auch die nun regelmässigen Bestimmungstreffen jeweils am Montagabend.
  • 1931 wurde unter der Leitung von E.Habersaat an der Ausstellung „Hyspa“ in Bern eine permanente Pilzausstellung organisiert. (E.Habersaat ist ja nicht nur wegen dessen Pilzbuch bekannt, er amtete auch jahrelang als Präsident des Vereins und als Leiter der Wissenschaftlichen Kommission des VSVP, wo er auch zum Ehrenmitglied ernannt wurde.
  • 1935 war offenbar ein Pilz-Rekordjahr. Auf dem Pilzmarkt in Bern wurden unglaubliche Pilzmengen registriert: 13,6 Tonnen Röhrlinge, 20 T Eierschwämme, 2,5 T Ritterlinge, 1,8 T Märzellerlinge und 660 Kilo Morcheln. -Aus heutiger Sicht undenkbar grosse Mengen. –Auch generell sind die Aufzeichnungen betreffend die Pilzaufkommen spannend. Offenbar gab es in den letzten 100 Jahren häufig trockene und schlechte Pilzjahre, dann aber wieder Jahre mit grossem bis riesigem Pilzaufkommen.
  • 1936 wechselte der Verein für Pilzkunde Bern sein Vereinslokal ein weiteres Mal. Nach nur gerade einem Jahr im Hotel „La Poste“, landeten die Berner Pilzler nun im Restaurant „Waadtländerhof“, -worauf es 1940 wieder zurück in die „Viktoriahall“ ging…
  • Während des Zweiten Weltkriegs durchlebte der Verein eine Aktivitätskrise: Wenig Anlässe, Mitgliederschwund. Erst Ende 1943 begann sich der Verein für Pilzkunde Bern wieder zu erholen. Der Mitgliederbestand stieg wieder auf 108 und die Aktivität wurden wieder reger. In den Zeiten der Rationierung während des Krieges wurde übrigens auch versucht, den Pilz als Volksnahrungsmittel populär zu machen. Nicht allein als Folge davon gab es dann auch Probleme mit den Kriegs-Internierten, die offenbar die Pilze besser kannten als die Schweizer Bevölkerung –und sie entsprechend auch exzessiv sammelten.
  • 1945 konnte der Verein für Pilzkunde Bern für dessen Bibliothek erstmals einen geeigneten Kasten anschaffen (!!), aber für den Erwerb eines Mikroskops fehlten die Mittel nach wie vor. Erst in den folgenden, wirtschaftlich besseren Jahren, konnte dann ein so teures Gerät angeschafft werden.
  • 1949 verstarb Reinhard Külling als letztes Gründungsmitglied des Vereins im Alter von 92 Jahren.
  • Während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegsjahre schien auch die Nachfrage nach Pilzen als Nahrungsmittel etwas zu verblassen. Bis 1952 schrumpfte entsprechend auch die Mitgliederzahl beim Verein für Pilzkunde Bern auf gerade noch 58. Unter neuer Führung ging es dann ab 1953 wieder aufwärts. Es wurden wieder mehr Anlässe organisiert, unter anderen 1953 in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern eine Ausstellung der Walty-Originalbilder. –Und einmal mehr wurde das Vereinslokal gewechselt. Die Berner Pilzler trafen sich nun im „Unteren Junker“ in der Berner Altstadt.
  • Ab etwa 1955 wurden Pilzkurse für die Oeffentlichkeit angeboten; ein Angebot, das bis heute eine der wichtigsten Aktivitäten des Vereins für Pilzkunde Bern geblieben ist. Immer wieder wurden nun auch Pilzausstellungen gezeigt, und ab Mitte der Sechzigerjahre für solche Publikumsanlässe im Sinne des aufkommenden Pilzschutzes auch auf Sammelaktionen für gastronomische Zwecke verzichtet.
  • Das Problem der Wahl eines geeigneten Vereinslokal zieht sich wie ein roter Faden durch die Vereinsgeschichte. Nach nur drei Jahren im Restaurant „Dalmazi“ zügelte der Verein 1965 wieder einmal um, und zwar in die „Viktoriahall“. Später logierten dann die Berner Pilzler in den Restaurants des Kaufmännischen Vereins, des „Schweizerbunds“, der „Waldeck“, dem „Beaulieu“, der „Aeussere Enge“, dem „Bären“ Zollikofen, und nun im Jubiläumsjahr in der „Neubrück“.
  • Ueber Jahre wurde die Leitung des schweizerischen Pilzdachverbandes VSVP jeweils im Turnus von einem Mitgliedverein ausgeübt. Später waren es dann auch ausgewiesene Pilzfachpersonen aus den Mitgliedververeinen. Aus dem Verein für Pilzkunde Bern waren dies von 1970-1978 R.Hotz, und von 1990-1996 Y.Cramer, die als Präsidenten an der Spitze der schweizerischen Pilzvereine wirkten.
  • Aus heutiger Sicht gab es während der hundertjährigen Geschichte des Vereins für Pilzkunde Bern auch etwas skurril anmutende Episoden: So komponierte das Mitglied Th. Jacky aus Murten ein Stück mit dem Titel: „Des Pilzlers Wanderlied“ für vierstimmigen Männerchor. Eine Partitur, die noch heute erhalten ist und im Vereinsarchiv still vor sich her schlummert. -Ob man damals wirklich singend in den Wald zog, um Pilze zu sammeln, ist nicht überliefert…
  • Eine weitere zum Schmunzeln anregende Anekdote von 1937 betrifft die Essbarkeit von Pilzen. Es scheint nämlich, dass damals auch ausgewiesene Pilzfachleute durchaus bereit waren, einmal auch auf gut Glück gefundene ihnen nicht bekannte Pilze auszukosten. So begaben sich am 16.September 1937 einige Mitglieder des Berner Vereins auf Pilzpirsch –und fanden dann auch prompt schöne kleine weisse Exemplare, die sie trotz falscher Jahreszeit für Tricholoma Georgii (der damalige Name für den essbaren Mairitterling) hielten. Vermutlich handelte es sich allerdings um junge giftige Riesenrötlinge, die die wohl eher nicht kundigen „Pilzsachverständigen“ dann auch zu verspeisen wagten. Die Auswirkungen dieses Pilzmahls finden sich in einem Bericht in den Vereinsakten:

In einem Gericht gekocht, 7 Personen. Nach ½ Stunde sämtliche heftiges Erbrechen ohne weitere Krankheitserscheinungen. Stimmung sogar fröhlich. Erbrechen wiederholte sich 4-5 Mal innerhalb 2 Stunden. Nachher heftiger Durchfall ohne Leibschmerzen, weder Fieber noch Pulssteigerung, Schweiss oder Frost. Zwei Teilnehmer erbrechen erst nach 6 Stunden, aber ebenfalls ohne weitere Folgen. Am nächsten Tag alles wohl. Pilze waren fast weiss. Lamellen bei schlechter Beleuchtung weiss, bei Tageslicht gelblich. Geruch stark mehlartig aber nicht unangenehm. Pilze sehr jung u. appetitlich.


Aus Distanz betrachtet doch erstaunlich, wie damals ein degustatives Experiment, mit akuter Pilzvergiftung als Folge, ohne Arzt und Spital durchgestanden wurde…

  • Dank mehr Arbeitsaufwand und regerer Aktivität konnte sich der Verein nach 1990 endlich auch finanziell sanieren. Es konnten neueste Pilzliteratur, ein Computer, eine Stereolupe und ein zweites Vereinsmikroskop angeschafft werden. (Leider wurde dann 2008 von Unbekannten das ganze technische Material entwendet.)

Trotz oft auch unangenehmer Vorkommnisse steht der Verein für Pilzkunde Bern heute kräftig, jung, dynamisch und aktiv in der bernischen und schweizerischen Pilzlandschaft.
So wirken heute, 2010, mehr als 30 ausgebildete Pilzkontrolleurinnen und Pilzkontrolleure im Verein mit, und geben ihr erworbenes Wissen an Veranstaltungen, Kursen und Bestimmungstreffen weiter. Schweizweit momentan unter anderen auch die Vereinsmitglieder Liliane Theurillat als Präsidentin der Schweizerischen amtlichen Pilzkontrollorane VAPKO, die Mykologieprofessorin Beatrice Senn-Irlet, und Hannes Daeppen als Präsident der vor kurzem gegründeten Schweizerischen Trüffelvereinigung.

Die Präsidenten von 1910 - 2010

1910 Gottfried Reber
1911-1915 Reinhard Külling
1916-1917 Ch. Grosjean
1918-1919 Charles Wyss
1920-1923 Heinrich Duthaler
1924-1926 Alfred Nebel
1927-1929 Hans Frieden
1930 A. Bütler
1931-1932 Reinhard Külling
1933-1935 Ernst Habersaat
1936-1937 Paul Ulrich
1938-1939 Roland Grosclaude
1940-1946 Ernst Gerber
1947-1949 Fritz Lörtscher
1950-1952 Ernst Gerber
1953-1965 Werner Wasem
1966-1983 Rudolf Hotz
1984-1995 Max Kuhn
1996-2008 Franz Aspäck
2009- Erich Herzig

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